Themen: Gesellschaft, Kultur/Feuilleton
Regionen: International, Westasien
Ruth Dreifuss bezeichnet den Zionismus im heutigen politischen Umfeld als überholten Begriff. In einem Gespräch über jüdische Identität und den Nahostkonflikt erklärt die frühere Bundespräsidentin, Zionismus habe eine historische Aufgabe verfolgt: die Gründung einer jüdischen Heimstätte. Mit der Staatsgründung Israels 1948 sei dieses Ziel erreicht worden. Die Autorin deutet diese Sicht als Befreiung von der Erwartung, sich als Jüdin zwingend als zionistisch, antizionistisch oder azionistisch einordnen zu müssen. Kritik an politischen Handlungen des Staates Israel solle ihrer Ansicht nach nicht mit einer historischen Bewegung verwechselt werden, die diesem Staat vorausging. Als Vergleiche nennt sie Suffragismus und Abolitionismus: Bewegungen, deren ursprüngliche Ziele in bestimmten Kontexten erreicht wurden und die danach vor allem historische und moralische Bezugspunkte blieben. Daraus seien jeweils neue, eigenständige politische Strömungen hervorgegangen.