Themen: Gesellschaft, Kultur/Feuilleton, Sport
Regionen: International, Südamerika
Argentiniens ausgeprägter Fussballpatriotismus erscheint als Ausdruck einer widersprüchlichen nationalen Identität, die von Einwanderung, Krisen und wiederholten politischen Brüchen geprägt ist. In Buenos Aires beobachtete die Autorin 2010 die allgegenwärtige Verehrung Maradonas und die öffentliche Euphorie während der Weltmeisterschaft. Sie stellt diese Leidenschaft späteren Triumphen, der Rückkehr Lionel Messis als nationaler Identifikationsfigur und dem internationalen Ärger über als arrogant, machistisch oder rassistisch wahrgenommenes Auftreten argentinischer Spieler gegenüber. Historisch verweist sie auf europäische Einwanderung, die Marginalisierung indigener Gruppen sowie die Selbstdefinition vieler Argentinier als Europäer in Lateinamerika. Nach wirtschaftlicher Stärke vor dem Ersten Weltkrieg folgten Militärputsche, Gewalt, Inflation, die Rückkehr zur Demokratie 1983 und die Krise von 2001. Fussball stifte unter diesen Bedingungen Zugehörigkeit, Freude und Selbstbehauptung, könne aber auch Frustration und Überlegenheitsgefühle verstärken.