Themen: KI/Digital, Demokratie, Gesellschaft
Regionen: International, Europa
Mit dem Ende der täglichen Printausgabe der Magyar Nemzet besitzt Ungarn seit dem 1. August keine landesweit verbreitete gedruckte Tageszeitung für Politik und Gesellschaft mehr. Der frühere Aussenpolitikchef Gábor Stier sieht darin nicht bloss eine Folge der Digitalisierung und veränderter Werbemärkte. Politische Einflussnahme habe den Medienmarkt geprägt und Marktbedingungen geschwächt. Die Magyar Nemzet, 1938 als nationalkonservative und antinazistische Zeitung gegründet, spielte laut Stier in verschiedenen Epochen eine wichtige publizistische Rolle, wurde aber nach mehreren Eigentümer- und Machtkonflikten zunehmend zum Regierungsorgan. Sie erscheint weiterhin online und als Wochenzeitung. Stier beschreibt öffentlich-rechtliche Medien als Regierungssprachrohr und verweist zugleich auf kritische digitale Angebote. Die Verlagerung politischer Kommunikation in soziale Netzwerke vereinfache Debatten, verstärke persönliche Angriffe und fördere abgeschottete Lager. Eine Wiederbelebung gedruckter Nischen- und Wochenzeitungen hält er nur bei ausreichendem Kapital, unabhängigem Mäzenatentum und grösserer Distanz zur Parteipolitik für möglich.