Themen: Kultur/Feuilleton, Gesellschaft, Leben
Regionen: International, Europa
Philippe Boudon erforschte 1969 die Siedlung Pessac bei Bordeaux, eine 1925 errichtete Pioniersiedlung von Le Corbusier. Anders als viele Architekturfachleute interessierte ihn nicht primär die ursprüngliche Architektur, sondern der Gebrauch durch die Bewohnerschaft. Diese hatte Häuser um- und ausgebaut, weil sie erschwinglich waren, alterten und an alltägliche Bedürfnisse angepasst werden mussten. Boudons Buch verbindet seine Reflexionen, Debatten einer Expertengruppe über Le Corbusier und Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Er deutet deren Bricolage nicht als Kritik am Meister, sondern als lebenspraktische Aneignung. Dass Veränderungen möglich waren, wertet er als Hinweis auf die Gebrauchstauglichkeit der Siedlung; Le Corbusier selbst hatte Pessac als Misserfolg betrachtet. Nach einer späteren Renovation wurden Farben rekonstruiert und manche nachträglichen Zutaten entfernt, doch neue Fenster und Rollläden bleiben sichtbar. Damit stellt sich die Frage, ob Pessac heute vor allem Denkmal und Ziel für Architekturtourismus oder weiterhin Wohnort ist.