Themen: Gesellschaft, Kultur/Feuilleton
Regionen: Schweiz, Schweiz Unbestimmt, International, Europa
Ukrainische spontane Besuche und die Schweizer Gewohnheit, Treffen Wochen im Voraus zu planen, stehen für unterschiedliche Vorstellungen von Nähe und persönlichen Grenzen. Die Autorin erinnert sich an Freundinnen, die in ihrer Wohnung in der Ukraine unangemeldet auf einen Kaffee vorbeikamen, und kontrastiert dies mit ihrem Alltag in der Schweiz. Studien über das Leben in sowjetischen Gemeinschaftswohnungen liefern ihr einen möglichen Erklärungsansatz: Enge Wohnverhältnisse, geteilte Räume und schwache oder schwer zugängliche Institutionen machten Nachbarn, Freunde und Verwandte zu wichtigen sozialen Hilfsnetzen. Private und gemeinsame Sphären seien dadurch weniger klar getrennt gewesen. Zugleich verweist sie auf die Repressionen der 1930er-Jahre, als vertrauliche Gespräche gefährlich sein konnten. Heute beobachtet sie auch bei sich eine Anpassung an die Schweizer Planungskultur. Für viele Menschen, die wegen des Krieges geflohen sind oder in der Ukraine geblieben sind, verändert die Unsicherheit des Lebens zudem die Möglichkeit, überhaupt vorauszuplanen.