Themen: Kultur/Feuilleton, Gesellschaft, Gesundheit
Regionen: International, International Unbestimmt
Matthias Hammer und Kathrin Fischer legen gegensätzliche Bücher über den Boom der Achtsamkeit vor. Der Psychotherapeut Hammer beschreibt Mindfulness als praktische Methode, Aufmerksamkeit im digitalen Alltag bewusster zu steuern. Er empfiehlt, Multitasking zu reduzieren und Gefühle unter Druck besser zu regulieren, warnt jedoch davor, Achtsamkeit als Heilmittel für gesellschaftliche Probleme zu betrachten. Die Journalistin Fischer kritisiert in ihrer Streitschrift die politische Wirkung des Trends grundsätzlicher. Nach ihrer Analyse individualisieren boomende Achtsamkeitspraktiken Stress und Erschöpfung, statt deren gesellschaftliche Ursachen zu behandeln. Meditation könne einzelnen Menschen helfen, werde aber zur Ideologie, wenn Klimaerhitzung, soziale Ungleichheit und Machtkonzentration als persönliche Bewusstseinsprobleme erscheinen. Fischer zeichnet die Geschichte einer im 19. Jahrhundert reformierten buddhistischen Tradition nach und verweist auf die therapeutische Popularisierung durch Jon Kabat-Zinn. Der globale Markt für Achtsamkeit erreichte laut ihr 2024 knapp zehn Milliarden Dollar Umsatz. Sie sieht im Fokus auf das Hier und Jetzt eine Ausblendung von Geschichte, Zukunft und kollektivem sozialem Wandel.