Themen: Kultur/Feuilleton, Wissenschaft
Regionen: International, Europa
Carlo Ginzburg ist am 16. Juni 2026 im Alter von 87 Jahren in Bologna gestorben. Der 1939 in eine jüdische und antifaschistische Familie geborene Historiker prägte die Mikrogeschichte. Diese versteht er nicht als Beschäftigung mit bloss kleinen Gegenständen, sondern als genaues Untersuchen einer eng begrenzten Dokumentation. Sein 1976 erschienenes Werk «Il formaggio e i vermi» rekonstruiert aus der Gedankenwelt eines Müllers eine bäuerliche Kultur im Friaul des 16. Jahrhunderts. Die Untersuchung macht Mutmassungen, Sackgassen und Zweifel sichtbar, statt sie hinter einer glatten Erzählung zu verbergen. Ginzburgs Zugang beruhte auf Nähe zum historischen Stoff und sollte zugleich die Gegenwart berühren. Seine Familiengeschichte war von Verfolgung geprägt: Sein Vater Leone wurde von Nationalsozialisten ermordet, seine Mutter Natalia Ginzburg war Schriftstellerin. Für die Autorin bleibt sein Werk auch ein Plädoyer für das geisteswissenschaftliche Buch und das sorgfältige Hinsehen.