Themen: Kultur/Feuilleton, Gesellschaft
Regionen: International, Europa
Shida Bazyars neuer Roman «Die Lücken» führt über nahezu hundert Jahre durch das fiktive Hunsrückdorf Heimesbach, das dem realen Hermeskeil nachempfunden ist. Im Zentrum stehen dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus, die Verfolgung jüdischer Familien und das jahrzehntelange Verschweigen oder Umschreiben der Geschichte. Hermeskeil galt 1939 als «judenfrei»; neun der elf damals noch im Ort lebenden Jüdinnen und Juden wurden später ermordet. Bazyar verbindet dokumentarische Grundlagen, unter anderem Heinz Ganz-Ohligs Buch «Juden im Gaumusterdorf», mit erfundenen Figuren und Ereignissen. Eine Verstorbene kehrt als Geist zurück und führt in Sprüngen durch verschiedene Zeiten und Perspektiven. Täter:innen, Mitläufer:innen, Opfer, Vertriebene und spätere Dorfbewohner:innen erscheinen in wechselndem Licht. Der Roman zeigt, wie Gewalt, Verrat und Schuld in Familien und im Dorf nachwirken, ohne einfache Erklärungen zu liefern. Die Rezension würdigt Bazyars unaufgeregte, unerbittliche Sprache und die Gegenwartsbezüge des Werks.