Themen: Wissenschaft, Gesellschaft, Gleichstellung
Regionen: International, International Unbestimmt
Die verbreitete Annahme, Testosteron mache Menschen zwangsläufig aggressiv, ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Der Beitrag zeichnet nach, wie Studien aus den siebziger Jahren diese Erzählung dennoch prägten. Robert Rose und Leo Kreuz fanden bei Gefängnisinsassen keinen klaren Zusammenhang zwischen Testosteronwerten und Gewalt, suchten aber weiter nach statistischen Auffälligkeiten. Auch spätere Untersuchungen von James M. Dabbs Jr. bestätigten die Erwartung eines Zusammenhangs nicht überzeugend. Die Genderforscherinnen Rebecca Jordan-Young und Katrina Karkazis argumentieren, Testosteron fungiere weniger als wissenschaftliche Erklärung denn als narratives Bindeglied für bestehende Vorstellungen über männliche Gewalt. Forschungsergebnisse deuteten höchstens auf einen schwachen, stark vom sozialen Kontext abhängigen Zusammenhang hin; gezielt erhöhte Werte führten nicht klar zu aggressiverem Verhalten. Besonders problematisch seien biologische Deutungen, wenn sie transfeindlich zur Ausgrenzung eingesetzt würden. Hormone könnten körperliche und emotionale Erfahrungen beeinflussen, doch gesellschaftliche Männlichkeitsnormen, die Verletzlichkeit abwerten und Aggression nahelegen, übten erheblichen Druck aus.