Themen: Kultur/Feuilleton, Gesellschaft, KI/Digital
Regionen: Schweiz, Schweiz Unbestimmt
Öffentlich lesende Männer geraten laut einer verbreiteten Online-Beobachtung rasch in den Verdacht, mit Büchern Intellektualität, politische Haltung oder Attraktivität vorführen zu wollen. Ein Leser erlebt diese Unsicherheit bei einem Samstagnachmittag in einer Bäckerei selbst. Obwohl er eigentlich in Ruhe lesen möchte, empfindet er seinen Platz zwischen anderen Gästen zunehmend als Bühne und versteckt das Buch schliesslich unter dem Tisch. Einen anderen allein lesenden Mann verdächtigt er zunächst, sein sichtbar aufgestelltes Buch nur zur Schau zu stellen. Zugleich erkennt er, dass er selbst kaum anders wirkt und möglicherweise eigene Unsicherheit auf den anderen projiziert. Seine wiederentdeckte Lesefreude wird zusätzlich von Instagram geprägt: Bookfluencer und dekorativ präsentierte Bücher verleiten ihn dazu, nach dem Besuch einer Bücherbrocki auch neue, trendige Ausgaben zu kaufen. Der Text reflektiert den schmalen Übergang zwischen echter Lektüre und der Sorge, sie könne als Inszenierung wahrgenommen werden.