Themen: Kultur/Feuilleton, Gesellschaft, Bildung
Regionen: International, Europa
Michel Foucaults Werk hat Geisteswissenschaften, öffentliche Debatten und die Forschung zu Macht, Wissen und Sexualität nachhaltig geprägt. Petra Gehring ordnet seine Klassikerwerdung ein und warnt vor einer verkürzten Rezeption einzelner Begriffe wie Diskurs, Genealogie oder Gouvernementalität. Seine scharfe Kritik an Psychoanalyse und an Befreiungsversprechen durch Geständnis und Selbstenthüllung sei heute historisch weiter entfernt, auch weil psychoanalytische Deutungsmuster an Einfluss verloren hätten. Besonders gegenwärtig wirkten hingegen seine historischen Studien zur Geschlechtszuweisung und zum Fall Alexina Barbin: Sie zeigten, wie staatliche und wissenschaftliche Verfahren im 19. Jahrhundert biologische Geschlechtsidentität normierten. Offen bleibe zudem Foucaults spätes Interesse an Parrhesie, dem mutigen Wahrsprechen, und an Lehre als existenzieller Praxis. Seine radikale, quellengesättigte Lektüre stehe gegen die Delegation von Erkenntnis an künstliche Intelligenz, müsse aber in ihrem gesamten Zusammenhang gelesen werden.