Themen: Demokratie, Wissenschaft
Regionen: International, Russland/Eurasien
Der Osteuropa-Historiker Carsten Goehrke untersucht, weshalb Russland nach der Öffnung unter Michail Gorbatschow erneut in eine von Wladimir Putin gefestigte Autokratie geraten ist. Als frühe Weichenstellung wertet er die Taufe des Kiewer Grossfürsten Wladimir I. nach byzantinischem Ritus um 987. Die orthodoxe Staatskirche sei zu einer tragenden Säule staatlicher Identität und autokratischer Herrschaft geworden; Russland habe sich dadurch zunehmend vom lateinischen Europa abgegrenzt. Weitere verpasste Alternativen sieht Goehrke im Aufstieg Moskaus und der Romanow-Dynastie im 17. Jahrhundert sowie in den von Gewalt getragenen Modernisierungen Peters des Grossen. Nach dem Ende des Zarenreichs setzte sich die bolschewistische Kaderpartei im Chaos durch und formierte ein autoritäres System neu. Auch der Zerfall der Sowjetunion 1991 eröffnete kurz eine demokratische Perspektive, mündete unter Boris Jelzin aber in Krisen. Putin festigte anschliessend den Staat weiter, besonders im Ukrainekrieg.